PUCCINI, Giacomo [1858-1924]: Eigenhändiger Brief mit Unterschrift. Ohne Ort [London], "domenica sera" [8.7.1900].. Oktav. 13 x 20 cm. 4 Seiten. Leicht gebräunt, mit partiellem Riss in der Mittelfalte, kleinem Seiteneinriss oben und Knickfalten.

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Artikelnummer: 23516
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  • London: Tosca, La Bohème and a special erotic adventure Unveröffentlichter sehr schöner, inhaltsreicher und sehr außergewöhnlicher Brief aus London über seine Bedenken zu der anstehenden Aufführung von Tosca und die Probenarbeit im Royal Opera House in London, über eine wunderschöne Aufführung von La Bohème, über seine gesellschaftlichen Kontakte in London, über seine hohen Kosten, dort sein Geld zu verbrennen, über eine Einladung nach New York zur Eröffnung der Wintersaison an der Metropolitan Oper mit La Bohème und mit einem außergewöhnlichen Schluss des Briefes mit einer pikant formulierten Bewunderung für eine besondere Dame, besonders in diesem Zusammenhang aufgrund seiner Beschreibung zu einem sexuellen Abenteuer oder zumindest zu einer frivolen Phantasie. Der Brief ist mit großer Offenheit geschrieben und laut italienischem Vorbesitzer an seinen Freund, Ferdinando Seveso gerichtet, ein begabter Klarinettist und Dirigent aus Como, den Puccini in seinem Brief mit "Clarino" anredet. Seveso, der viele Jahre in Stockholm an der Königlichen Oper beschäftigt war, sorgte dafür dort mit der Gewohnheit zu brechen, nur Werke des alten Repertoires und der alten Meister zu inszenieren, und brachte Falstaff, Boheme und Tosca zu diesem Publikum, was der italienischen Kunst wieder einmal mehr im Ausland zu Glanz verhalf. (Schmidl, Carlo: Dizionario universale dei musicisti. Milano 1938). Seinen Brief vom Sonntag, den 8.7.1900, an seinen Freund und Förderer Seveso eröffnet Puccini damit, dass er gespannt ist, wie die Londoner Premiere seiner Tosca am Donnerstag, den 12.7.1900, wohl aufgenommen werden wird. Er berichtet seinem Freund, dass die Proben gut laufen und er ihn telegraphisch über die weiteren Ergebnisse der Probenarbeit informieren wird. Puccini scheint sich dennoch unsicher gewesen zu sein, denn er steht noch unter dem Eindruck der kritischen Rezeption einer Aufführung von La Bohème, die vorgestern am Freitag, den 6.7.1900, stattgefunden hat. Wie bei der ersten Inszenierung von La Boheme, die tatsächlich vom Royal Opera House selbst produziert wurde und am 1. Juli 1899, ein Jahr zuvor uraufgeführt wurde, traten Nellie Melba (1861-1931, eine berühmte Sopranistin aus Australien) als Mimi und Fernando De Lucia (1860-1925, ein bekannten Tenor aus Neapel) als Rodolfo unter der Leitung von Gigi Mancinelli auf, der wenige Monate später am 26.12. 1900 dann auch die erste Aufführung von La Bohème an der Metropolitan Oper in New York leitete. Puccini beschreibt bildhaft, wie er nach dem 4. Akt mitgeschleppt wurde und wie feindselig er von den Engländern aufgenommen wurde, als er im Rampenlicht mit seiner weißen Weste auftauchte. Puccini, der seinen ersten längeren Aufenthalt in der britischen Metropole intensiv genossen hat, der seiner zu Hause gebliebenen Frau Elvira mittteilt, dass ihn die schönen Frauen hier angeblich nicht beindrucken und der inzwischen vom Erfolg verwöhnt und nach heutigen Begriffen damals schon bereits mehrfacher Einkommensmillionär war, scheint etwas verbittert zu sein. Puccini wusste beim Schreiben seines Briefes nicht, was für ein Erfolg die Premiere von Tosca am 12.Juli 1900 werden würde. "Zum ersten Mal in Covent Garden erringt eine Puccini-Oper einen wirklichen Erfolg, einen 'vollständigen Triumph' gar." (Schickling, Puccini Biographie, Stuttgart 1989, S. 162). Er berichtet des Weiteren über eine Einladung im Haus des italienischen Botschafters zusammen mit den Komponisten Francesco Tosti und Luigi Denza, mit dem Tenor Fernando De Lucia und dem Bariton Antonio Scotti und anderen unbenannten Personen. Mit klarem Sarkasmus über die zu erwartende Gesellschaft versieht er aber die anstehende Einladung des Bankiers Rothschild. Außergewöhnlich ist dieser inhaltsreiche Brief jedoch aufgrund des Berichts über ein erotisches Abendteuer oder zumindest über die Phantasie eines solchen. Der 40-jährige Komponist, der schon 1899 immer wieder darüber klagte, alt zu werden, befand sich in einer tiefen midlife crisis. Während der Probenarbeit für die Turiner Premiere seiner Tosca im Februar 1900 entwickelte sich eine Affäre mit Corinna, einer Studentin. Sie war "Puccinis zweite große Liebe nach seiner Frau Elvira und auch schon die vorletzte, neben den vielen kleineren flüchtigen Beziehungen." (Schickling, ebda, S. 160). In diesem Kontext ist zu verstehen, was Puccini seinem befreundeten Adressaten über eine besondere Frau in London mitteilen will, wenn er schreibt: "... für diesen Abend. Einer von ihnen schlägt eine junge Dame vor, um sich auszutoben - der sinnliche Ehemann [Puccini] besteht darauf: glaub mir, die junge Dame ist sehr hübsch... Nachdem das Opfer zugehört hat, sagt es: Aber mein Lieber, meine Klitoris ist doch keine Kirsche! Lach Du verstimmte Klarinette - lach!"
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